Psychologische Kriegsführung beim Tennis

Weil es beim Fußball nicht mehr so richtig ging, habe ich angefangen Tennis zu spielen. Dort treffe ich zusammen mit denen, die diese Sportart von Kindesbeinen an betrieben haben. Die können richtig ausholen, stehen immer richtig zum Ball, und spielen so schön an die Linie. Die meisten können sogar eine Rückhand. Ich nenne sie die „Gelernten“, weil sie diesen komischen Bewegungsablauf schon mit der Muttermilch aufgesogen haben.
Gemeinsam spielen wir in der „Jungsenioren“, wir, die wir früher eine richtige Sportart betrieben haben wie Handball oder Fußball und diejenigen, die schon immer etwas feiner gewesen waren.
Allein der Name „Jungsenioren“ ist ja grotesk. Beim Fußball nennt man den älteren Jahrgang in der D – Jugend ja auch nicht „Altknaben“. Wie dem auch sei, nun spielen wir in der gemeinsamen Liga, die richtigen Tennisspieler und diejenigen, die diese Sportart auf dem zweiten Bildungsweg gelernt haben und es nie mehr richtig lernen werden.
Sinnigerweise spielen wir in der „Verbandsliga“, was angesichts der Unmengen an verbrauchtem Verbandsmaterial in der Umkleidekabine angemessen ist. Salbenliga oder Dicofenac-Liga würde auch passen.
Punktspiel. Ich spiele gegen einen dieser „Gelernten“!
Ich merke es schon beim Einschlagen. Sauber, wie an der Schnur gezogen, kommen die Bälle über das Netz auf mich zu geflogen. Der läuft auch nicht viel, bewegt sich im Schneckentempo und zieht die Bälle gekonnt longline und cross. Unsereiner dagegen hetzt über den roten Sand von einer Ecke zur anderen und schubst den Tennisball mit letzter Kraft über die Netzkante. Ich ahne Ungemach auf mich zukommen, will sagen eine vernichtende Zweisatzniederlage, wobei mir aus Mitleid in jedem Satz ein Spiel geschenkt werden wird.
Ich habe nur eine Chance, meine psychische Stärke. Denn diese gelernten Tennisspieler sind alle irgendwie Autisten und ständig mit sich selbst beschäftigt. Da bin ich als Fußballer, der jahrelang die Vorwürfe der Mitspieler, die Anfeindungen der Gegenspieler und die vernichtenden Kritiken der Sportjournalisten ertragen hat, doch aus ganz anderem Holz geschnitzt.
Unser Match beginnt und nimmt zunächst den erwarteten Verlauf. Ich liege 3:0 hinten, bevor ich meinen ersten Punkt mache. Aber ich weiß, meine Stunde wird kommen. Ich hechele über dieses Viereck – laufen kann ich immer noch einigermaßen- und schnippele und slice die Kugel, was das Zeug hält. Das zeigt erste Erfolge, denn der da drüben muss auch laufen, solche „Schläge“ ist er nicht gewohnt. Lautstark macht er seinem Unmut Luft, indem er seine Verdammungsurteile zu mir rüber wirft: „Was ist denn das für ein Gurkentennis!“ Ich habe ihn schon mal wütend. Trotzdem ist der erste Satz nicht zu retten, ich verliere 6:2, sehe aber dem zweiten Satz mit Entschlossenheit entgegen.
Zweiter Satz, meine Schläge werden nicht besser, aber seine langsam schlechter.
Er fängt an, sich selber zu beschimpfen:
„Das ist doch keine Vorhand!“
Doch, es war eine Vorhand, aber am Netz hängengeblieben.
Schon wieder hadert der da drüben mit sich selber:
„Zieh doch mal richtig durch!“
Schritt für Schritt beginnt mein Gegenüber sich selbst zu demontieren:
„Immer derselbe Fehler,… genau wie beim letzten Mal, … das hat doch mit Tennis nichts zu tun….“
Ich bleibe derweil ruhig, trauere nur ab und zu einem seiner Ausbälle mit einem gespielten „Schade“ hinterher.
Beim Wechsel gieße ich noch ein wenig Öl ins Feuer und lobe ihn.
„Du hast einen guten Aufschlag“.
Das ist nur bedingt richtig, seine Aufschläge sind nur im Verhältnis zu meinen gut, objektiv gesehen und tennistechnisch dürftiger Durchschnitt.
Mein Lob freilich bringt ihn noch mehr aus der Fassung.
„Das sind doch keine Aufschläge heute, das ist Anfängertennis!“
Ich widerspreche nicht, sondern erhebe mich vor der Zeit scheinbar leichtfüßig, obwohl ich selbst schon auf dem Zahnfleisch krieche. 4:4, das Spiel ist enger geworden.
Nun versucht es mein Gegenüber mit Tricks, die bei seinesgleichen fruchten: er gibt einen Ball “aus“, der mit bloßem Auge mindestens einen halben Meter innerhalb war.
Gelernte lassen sich durch so was schnell aus der Fassung bringen, wie sie überhaupt hinhaltend darüber streiten können, ob der Ball vor, auf oder hinter der Linie war und mit dem Ruf nach einem Schiedsrichter die Lauterkeit des anderen infrage zu stellen pflegen.
Ich antworte stattdessen geheuchelt gelassen.
„Der Ball war schätzungsweise Einenmeterdreizehn innerhalb, aber in deiner Hälfte entscheidest du!“
Ich kann aus der Entfernung sehen, wie er zusammenzuckt.
5:5! Wir sitzen beim Wechsel schweigend und verschwitzt nebeneinander. Ich fange trotzdem an zu pfeifen: „We are the Champions“, dafür reicht meine Luft gerade noch.
6:6! Es geht in den Tiebreak.
Allein die Tatsache, dass der da drüben gegen mich in die Verlängerung muss, ist einen stillen Triumph wert.
Mein Gegenspieler ist am Ende seiner seelischen Kraft. Er schreit und brüllt, schimpft und meckert, jammert und hadert. Ich renne wie ein Wiesel, viel mehr habe ich nicht zu bieten.
Dennoch steht es 5:2 für ihn, einen Punkt braucht er noch, einen einzigen.
5:3! Mein Gegenüber deutet das Zertrümmern seines Schlägers an.
5:4! Der auf der anderen Seite scheint dem Infarkt nahe.
„Das kann doch wohl nicht wahr sein, diese Krampe!“ Meint er seinen Schlag oder mich damit? Ich vermute letzteres.
Plötzlich fange ich an wie ein Tennisspieler zu denken:
„Wenn ich in den dritten Satz gegen diesen Laumann komme, mache ich ihn fertig, diesen arroganten Fatzke.“
Ich habe Aufschlag, was bei mir nicht unbedingt einen Vorteil bedeutet.
Fehler!!
Ich habe es geahnt. Ich schreie meinen Ärger raus. Ein schlichtes, proletarisches :“Scheiße!“
Innerlich brülle ich mich an.
„Nicht einen vernünftigen Aufschlag kriegst du heute hin, du Blinder.“
Mein inneres Ego ist tief beleidigt und fabriziert den Doppelfehler.
„Aus, aus, aus, aus!“ höre ich Herbert Zimmermann rufen.
Mein Gegenspieler tänzelt zum Netz, um mir zu meiner Niederlage zu gratulieren.
„Gut gekämpft!“ Er lächelt fröhlich.
Ich muss an mich halten, um ihm nicht mein Racket über die Rübe zu ziehen.
Manchmal kann ich diesen Gelernten nicht aufs Fell sehen….