Die Empörungsbewegung

Mein Freund Paul gehört zu den Elite-Empörern der Nation. Aus kleinen, bescheidenen Verhältnissen hat er sich hochgearbeitet bis in den inneren Zirkel dieser Organisation.
„Angefangen habe ich“, sagt er vertraulich, „mit Zwischenrufen auf irgendwelchen Veranstaltungen. Meine Standardformeln wa-ren: ‚Das kann doch wohl nicht wahr sein!’ und ‚Unglaublich’. So-fort spürte ich die Anerkennung der Zuhörerschaft wegen meines Mutes und wegen meiner moralischen Integrität. Dann habe ich in der Volkshochschule meinen ersten Entrüstungsschein gemacht.“
Er lehnte sich stolz zurück.
„Was habt ihr denn in der hohen Schule des niederen Volkes so gemacht?“
„Na ja, die Entrüstung brauchte ich nicht zu lernen, ich bin ein Naturtalent. Aber es gibt zusätzliche Regeln, die man beherrschen muss, z. B.: ‚Lasse der Entrüstung nie Taten folgen.’
„Wieso das?“
„Wieso das! Bei Taten gibt es immer irgendwelche, die damit nicht einverstanden sind, durchweg Mitglieder unserer Bewegung. Durch entschlossenes Handeln bringst du nur die eigenen Leute gegen dich auf.“
Das leuchtete mir ein.
„Gibt es einen Unterschied zwischen der ‚Entrüstervereinigung’ und der ‚Allianz der Dauerbestürzten?“, wollte ich wissen.
„Eigentlich nicht“, sagte Paul, „die einen stehen eher der Kirche nahe, die anderen der Gewerkschaft. Seit kurzem haben sich beide zu einem Dachverband zusammengeschlossen: ‚Die nachhaltige Empörungsbewegung’.“
Ich war beeindruckt. Gleichwohl traute ich mich zu fragen, wa-rum man denn dieses Nullwort „nachhaltig“ hinzugefügt habe.
„Na, ganz einfach“, erklärte mir mein Gegenüber von oben herab, „damit unser Protest nachhallt!“
Paul kam in Fahrt: „In unserem Volkshochschulkurs haben wir auch ständig an unserer Ausdrucksweise gefeilt. Bei Zwischenru-fen klage ich jetzt lauthals über den Redner: ’Ich will nicht glau-ben, dass man so etwas sagen darf.’ Du solltest mal sehen, wie die zusammenzucken. Oder noch besser: ‚Ich bin entsetzt und sprach-los, dass Sie tatsächlich ernsthaft zu glauben scheinen, was Sie da die ganze Zeit reden!` Eine vernichtendere Niederlage kann man einem Gegenüber gar nicht zufügen!“
„Aber solche Bemerkungen erschlagen doch jede Argumentati-on!“ schob ich verschämt ein.
Er sah mich mitleidig an.
„Als ob es darauf ankäme“, sagte er spöttisch, „Gefühle wollen die Leute, ob echt oder geheuchelt, ist doch völlig egal.“
„Wo bleibt da die sachliche Auseinandersetzung? Der Respekt vor der Redlichkeit des Andersdenkenden?“, versuchte ich einzu-wenden.
„In welchem Jahrhundert lebst du eigentlich?“, fuhr Paule mich an und holte zu einer großen historischen Parallele aus:
„Das 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert der großen Massenbe-wegungen. Krieg, Terror, Einschüchterung, Brutalität. Die roten Sozis und die braunen Sozis haben auf dieser Klaviatur gespielt und verspielt. Das, was wir da jetzt bei Wahlen oder bei Demos erleben, sind Nachhutgefechte von ein paar Verstörten. Nein, die neue Zeit gehört der Empörungsbewegung. Große Gefühle sind gefragt: Entrüstung – das ist die neue Zeit. Sagt jemand ein fal-sches Wort, schon sind wir alle bestürzt. Wir brauchen keine Stasi mehr und keine Gestapo, um jemanden mundtot zu machen!“
Ich war beeindruckt von seiner historischen Weltsicht. „Seid ihr denn schon viele in eurer Empörungsbewegung?“
„Viele? Wir sind nach dem schleppenden Abgang der Gewerk-schaften der einzig verbliebene gesellschaftliche Machtfaktor links von der Mitte. Du musst mal die Zeitungen genauer lesen, dann siehst du, wie groß unser Anhang ist. Der SPIEGEL! Die haben den letzten Schuss gepflegt überhört, der die 68-er Revolution be-endet hat. Die ZEIT! Sie schwimmen immer schön in der Mitte unseres großen Stromes!“
„Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom!“
„Ebend!“
Paule sagte gerne „ebend“, um zu unterstreichen, dass er aus Han-nover stammte.
Und er prahlte weiter mit seinem Werdegang: „Übrigens, das war der nächste Schritt auf meiner Karriereleiter: Ich schrieb Leserbrie-fe. Sowie irgendwo eine Blattlaus verendete, schlug ich Alarm. Tote Tiere zu beklagen kommt immer gut.“
„Hat eure Empörungsbewegung denn schon die Spitzen der Gesell-schaft erreicht?“
Er sah mich an, als käme ich von einem anderen Stern. „Erreicht? Die höchsten Ämter sind in unserer Hand. Unser Bundespräsident ist Ehrenvorsitzender auf Lebenszeit.“
„Das sieht ihm ähnlich!“ bemerkte ich trocken. „Aber mit Masch-meyer kuscheln !!“
„CDU/CSU?“
„Fast alle.“
„Ich denke, ihr seid links von der Mitte?!“
„Ebend!!“
„Die Grünen?“
„Na hör mal! Geschlossen! Die meisten sind Gründungsmitglieder unserer Bewegung! Claudia Roth gilt als Chefideologin.“
„Die Linke?“
„Bestimmen bei uns die Vorstandsarbeit.“
„Habt Ihr auch ein Emblem?“
„Natürlich! Die gespaltene Zunge hinter vorgehaltener Hand.“
Er lehnte sich erneut zurück.
„Karriere kann man nur über uns machen. Tatkraft, Augenmaß, gesunder Menschenverstand – alles Schnee von gestern. Nur noch Verbalathleten haben eine Chance. Nimm Hans Christian Ströbele. Hat sich aus kleinen Protestverhältnissen als RAF-Anwalt hochge-arbeitet. Jetzt ist er Bestürzungsexperte des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Er ist der Trendsetter der politischen Betroffenheits-moral. Anfang der achtziger Jahre haben sie den noch zu ‘ner Knaststrafe wegen Unterstützung einer kriminellen Vereinigung verurteilt. Heute steht er kurz vor der Heiligsprechung.“
„Du hast recht“, gestand ich Paule zu.
„Willst du nicht auch endlich beitreten?“ Er sah mich an.
„Lass man, Paule, mit Bestürzung aus Kalkül will ich nichts zu tun haben. Das bin ich meiner intellektuellen Rechtschaffenheit schul-dig“, sagte ich empört.
Paule grinste: „Du bist empört? Na, also, du bist schon auf dem richtigen Weg. Dann musst du nur noch lernen, Aufrichtigkeit zu heucheln! Das lernt man schnell, wenn man nach oben will….“
„Wohltuend ist für jedermann, sofern er sich entrüsten kann“
(Unbekanntes Zitat)
Unser Parteiensystem anzuklagen ist vergebliche Liebesmüh. Das System sitzt zu fest im Sattel. Gleich einer Krake hat es sich über das Land gelegt. Keine politisch oder gesellschaftlich relevante Position, die nicht über das Parteibuch vergeben wird. Streng nach dem Proporz an einen Popanz.
Und mit dem Parteiensystem ist es wie dereinst mit der Hydra: schlägt man einen Dummkopf ab, wachsen zwei neue wieder nach!

Taktikunterricht beim Fußball

„Männer!“
Der Trainer gab seiner Stimme einen markigen Unterton. Das tat er immer, wenn der ernst genommen werden wollte.
„Das Spiel am letzten Wochenende war große Scheiße! Sechs zu null verloren! Zuhause!“
Dieser Meinung hatten sich auch die 34 Zuschauer am Vorsonntag angeschlossen, soweit sie Anhänger der Heimmannschaft gewesen waren. Der 22 Mann starke Anhängerblock des Nachbardorfes hatte dagegen ein Klassespiel gesehen.
„Männer, wir müssen unsere Taktik ändern!“
Der Trainer baute umständlich eine alte Kreidetafel auf und nahm den abgegriffenen kleinen Kreidefummel in die Hand, den er extra mitgebracht hatte.
Der Trainer malte umständlich vier Kreuze auf die Tafel.
„Hinten spielen wir heute mit einer Viererkette.“
Der Trainer wusste, dass er seine Informationen an der Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter seinen Spielern richten musste.
„Habt Ihr verstanden?“
Seine Jungs nickten, was sollten sie auch anderes machen.
„Wir sparen diesmal den Libero ein!“
„Und was wird aus mir?“, fragte ganz zaghaft der Libero.
„Du kommst auf die Bank!“
Der Betroffene zuckte zusammen.
Der Trainer dröhnte: „Ob du dich hinten ausruhst oder auf der Bank, ist doch wohl egal!“
Der Libero zuckte erneut zusammen. Die Kritik an seiner Laufarbeit war nicht von der Hand zu weisen, er hatte sein Trikot nach dem Spiel gleich wieder in den Mannschaftskoffer legen können.
Der Trainer blickte seinen Libero scharf an:
„Ihr habt nicht zu verstehen, was ich sage, ihr habt es hinzunehmen!“
In der Kabine konnte man eine Stecknadel fallen hören.
Der Trainer hob den Ellenbogen und hieb mit der Faust ein paarmal heftig nach vorne in die Luft.
„Ansonsten agiert die Viererkette wieder mit unserer bewährten drei D – Taktik: Dran, drauf, drüber!“
Der Trainer ließ seine Augen über die Mannschaft schweifen und erfreute sich an der Wirkung seiner Worte!
„Auch im Mittelfeld spielen wir diesmal mit einer Viererkette!“
Dabei hieb er mit seiner Kreide auf die Tafel, wo er soeben vier Kreuze nebeneinander gemalt hatte.
„Da heißt es laufen, laufen und laufen, bis Euch das Salzwasser im Hintern kocht!“
Seine Jungs liebten solch klare Ausdrucksweise.
Der Trainer kam immer mehr in Fahrt: „Heute heißt es Ärmel hochkrempeln.“
„Trainer, wir spielen kurzärmelig!“ beharrte der Torhüter.
Der Mannschaftsführer, Germanistikstudent im 15. Semester, schritt ein: „Der meint das doch im metaphorischen Sinne!“
Die Bemerkung trug in diesem Kreise nicht unbedingt zur Erhellung des Sachverhalts bei.
Der Trainer brüllte: „Haltet endlich eure Klappe! Wir sind hier nicht auf einer Parteiversammlung der Grünen!“
Die Mannschaft duckte sich.
Nun holte der Trainer zum entscheidenden taktischen Geniestreich aus:
„Und vorne spielen wir mal wieder mit drei Spitzen.“
Zack, drei Kreuze auf die Tafel gezaubert.
„Wir spielen ganz altmodisch mit Linksaußen, Mittelstürmer und Rechtsaußen! Mir doch scheißegal, ob die da draußen schreien, das sei unmodern!“
„Trainer“, meldete sich der Mannschaftsführer, „das ist ein Mann mehr!“
„Genau!“ lobte ihn der Trainer, „darauf kommt es an, dass wir in Ballnähe immer einen Mann mehr haben. Das ist der Sinn meines neuen taktischen Konzeptes!“
Beschwörend hob der Trainer die Hände.
„Beim letzten Spiel haben die Zuschauer da draußen uns ausgepfiffen, gnadenlos. Ich möchte, dass sie wieder hinter uns stehen wie ein Mann.“
Eingeschüchtert unternahm der Mannschaftsführer einen neuen Versuch:
„Trainer, das sind zwölf!“
„Sag ich doch. Die da an der Seitenlinie, die müssen hinter uns stehen wie der zwölfte Mann!“
Die Stimme des Trainers hatte noch weiter an Lautstärke zugenommen und ließ jeden Widerspruchsgeist endgültig verstummen. Er sah die Spieler wütend an:
„Wenn ihr glaubt, ihr habt einen Blöden vor Euch, seid ihr bei mir an der richtigen Adresse!“ Das saß!
„Ich will, dass ihr da draußen Vegetarier werdet und 90 Minuten Gras fresst!“
Torhüter zaghaft: „In unserem Sechzehner wächst kein Gras mehr!“
Mannschaftsführer: „Metaphorisch!“
Torhüter: „Ach so!“
„So, Männer und jetzt möchte ich in den folgenden 90 Minuten sehen, dass sich jeder Spieler an mein taktisches Konzept hält. Sonst reiße ich ihm anschließend den Arsch bis zum Stehkragen auf!“ Betretenes Schweigen.
„Und jetzt geht raus und wärmt Euch auf.
Wir sind heute 15 Mann! Bildet drei Fünfergruppen und fangt an mit vier gegen zwei!“

Über die Faszination des Golfspiels

Neulich abends fragte mich ein Freund:
„Was fasziniert dich eigentlich an diesem komischen Golfspiel?“
Mir fiel spontan keine passende Antwort ein, also vertröstete ich ihn:
„Ich denke drüber nach. Frag mich morgen noch mal.“
Am anderen Morgen fuhr ich ganz früh auf den Golfplatz, um mich auf die Suche nach der Faszination dieses „komischen“ Spiels zu machen. Versprochen ist versprochen.
Auf dem Weg zum Golfplatz kroch Vorfreude in mir hoch. Plötzlich war schon etwas von dieser unerklärlichen Faszination da, eine Art innerer Erregungszustand. Ich fuhr den schmalen Weg zum Parkplatz hoch. Die Vorfreude wuchs. Die beiden Bahnen links und rechts des Weges lagen in sattem Grün. Offenbar war noch niemand da. Ich spiele gerne mal alleine.
Oben auf dem Parkplatz schnallte ich mein Golf-Bag auf den Trolley und wanderte zum Abschlag von Loch 1.
Erste Sonnenstrahlen krochen über die Baumwipfel im Osten, als ich auf dem Abschlag stand. Die aufgehende Morgensonne hatte das weite Innerstetal im Hintergrund in ein wundersames Licht getaucht. Unser Golfplatz-eigener-Kuckuck rief in regelmäßigen Abständen zu mir herüber. Auf dem nahen Feldrain trällerte eine Lerche, und oben am Himmel zog eine Weihe ihre Kreise. Hinter dem Weg, der die Bahn1 kreuzt, spielte eine Füchsin mit ihrem Nachwuchs.

Ich fühlte mich eins mit der Natur. Und ich hatte die nächste Antwort auf die Frage nach der Faszination.
Aber ich wollte ja nicht nur die Natur beobachten, sondern auch Golf spielen. Vorsichtig legte ich den kleinen weißen Ball auf ein Tee und bereitete mich auf den ersten Abschlag vor.
Die Füchsin hatte mich entdeckt und verschwand vorsichtshalber mit ihrem Nachwuchs im Unterholz. Meinen Schlägen ist schließlich nicht zu trauen.
Aber mein Abschlag war begnadet. Der Ball flog noch über den kleinen Weg hinweg und landete mitten auf dem Fairway. Welch ein Anfang! Stolz und Genugtuung durchströmten mich. Vielleicht sollte ich einen mutigen zweiten Schlag über die Bäume wagen und den Ball neben die Fahne platzieren. Und dann mit einem Putt einen „Eagle“ schaffen, schließlich ist es ein Par 5 Loch. Vielleicht trullert der Ball ja sogar gleich ins Loch zu einem „Albatros“!
Ich konnte den zweiten Schlag kaum erwarten. Meine schwungvolle Ausholbewegung riss aber leider ein tiefes Loch in den Rasen, und der Ball hoppelte lediglich 3 Meter weiter.
Ich blieb ruhig, schließlich war ich allein auf weiter Flur. Aber meine innere Stimme fluchte laut, fluchte mit Worten, für die sich jeder anständige Mensch schämen muss.
Na, dann eben mit dem dritten Schlag auf das Grün, mahnte ich mich trotzig.
Leider entsprach auch dieser Versuch bei weitem nicht meinen Erwartungen. Ärger kroch in mir hoch. Der vierte Schlag landete im Rough, der fünfte im Bunker. Aus Ärger war Wut geworden.
Ich war schon immer der Meinung, Golf ist nichts für Manisch-Depressive. Oder vielleicht gerade. Ich jedenfalls kenne keine Sportart, bei der himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt so eng beieinanderliegen.
Wie dem auch sei, mein Hieb aus dem Bunker misslang völlig, und zu meinem Entsetzen flog der Ball an der Fahne vorbei weit über das Grün hinaus. Anschließend fand ich ihn nicht mehr und überlegte kurzfristig, ob ich in Zukunft nur noch Schach spielen sollte.
Aber ich konnte nicht aufhören. Dieser kleine weiße Ball war in mich hinein gekrochen und hatte meine Seele in Beschlag genommen.
Die restlichen Bahnen glichen ebenfalls einer Achterbahnfahrt. Ich lernte das Unterholz kennen und die Brennnesseln im hohen Gras neben dem Fairway. Dann wieder gelangen mir einige Schläge, die nach Golf aussahen und die mein Herz hüpfen ließen: Ich spielte ein faszinierendes Spiel gegen mich selbst.
Ich hatte meine halbe Runde beendet und traf am Klubhaus einige Freunde, die gerade erst anfangen wollten. Sie frotzelten über mich, weil ich so früh gespielt hatte – und außerdem allein. Sie lieben die Geselligkeit, die Gespräche während der Runde, das gemeinsame Kaltgetränk hinterher. Beim Golfspiel hat man keine Gegenspieler, sondern immer nur Mitspieler. Das schafft vor allem bei uns Senioren stets eine entspannte Atmosphäre, zumal der große Vorteil des fortgeschrittenen Alters ist, dass man niemandem mehr etwas beweisen muss.
Und plötzlich begriff ich, was das Faszinierendste an diesem Spiel ist: Dass jeder in diesem Spiel all das finden kann, was er für sich selber als sinnvoll erachtet: lange Spaziergänge durch eine wunderschöne Natur, das Auf- und Abwallen der Glücksgefühle, Konzentration und Entspannung zugleich, Gespräche und geselliges Miteinander, Wettkämpfe und repräsentative Feste.
Und ich begriff, dass man das alles einem Fremden nicht erklären kann.
Am anderen Tag antwortete ich auf die Frage meines Freundes, was einen an diesem komischen Golfspiel fasziniere:
„Finde es selber raus!“

Die Parteilinie

Seit meiner Zeit als Fußballer weiß ich, wie wichtig „Linien“ sind. Das gilt natürlich besonders für die „Torlinie“. Sie dient vor allem der Orientierung, denn jeder weiß, der Ball muss hinter diese Torlinie, alles andere ist unwichtig.

Noch interessanter als die „Torlinie“ finde ich allerdings die „Parteilinie“. Das Dubiose bei dieser Linie ist, dass einige sie sehen können (behaupten sie jedenfalls) und einige nicht. Die, die die Parteilinie kennen, nennen sich die Parteioberen. Die anderen, die diese Parteilinie noch nie wirklich zu Gesicht gekriegt haben, sind eigentlich arm dran. Sie müssen den Parteioberen glauben und vorgeben, diese Linie auch in sich fühlen. Um aber ganz sicher zu gehen, müssen sie den Parteioberen auf dem Fuße folgen, ganz dicht und in kleinen Schritten; sie müssen den Rücken leicht nach vorne beugen, die Augen auf den Boden halten und so tun, als ob sie die imaginäre Parteilinie auch sehen. Dabei sollten sie sich ganz vorsichtig bewegen, damit sie ja nicht aus Versehen von der Parteilinie abkommen.

Üblicherweise beherrschen Parteimenschen den Parteiliniengang – sich vorsichtig in gebückter Haltung vorwärts zu bewegen – ziemlich perfekt. Das erspart nicht nur Ärger und ist die beste Voraussetzung für die eigene Karriere, sondern es erspart auch das eigene Denken. Und weil das eigene Denken ausgeschaltet ist, merkt der einfache Parteimensch dann noch nicht einmal, wenn er im Kreis herumgeführt wird; oder gar an der Nase.

Die unsichtbare Parteilinie bezieht ihre disziplinierende Wirkung im Übrigen ja gerade daraus, dass man sie nicht sieht. Dadurch kann nämlich auch keiner nachprüfen, wie sie eigentlich aussieht und alle müssen dran glauben.

Gefährlich wird es für einen Parteimenschen, wenn er den sogenannten Parteioberen auf die Schliche kommt, weil er es mit eigenem Denken versucht hat. Noch gefährlicher wird es, wenn er dabei erkennt, dass die Partei gar keine Linie hat. Fortan gilt er als Abweichler, man versucht ihn weich zu kochen und wenn das nichts hilft, geht man mit Härte gegen ihn vor.

Deshalb hängt der Niedergang dieses Staates auch unmittelbar mit dieser ominösen „Parteilinie“ zusammen. Die, die den Staat führen sollen, müssen sich erst ganz lange mit diesem parteilinientreuen, gebückten Gang vorwärts bewegen, bis die vor ihnen Gehenden ausgedient haben. Dann trottet man selber voran und erwartet von den Nachfolgenden denselben Kriechgang, den man lange selbst praktiziert hat. Und wehe, es wagt einer…….

So sehe ich mich denn in allen Führungspositionen dieses Staates jenen parteilinienganggeschädigten Gestalten gegenüber. Um meiner Verzweiflung Herr zu werden, werde ich mir jetzt erst einmal einen schönen Linien – Aquavit genehmigen….

Psychologische Kriegsführung beim Tennis

Weil es beim Fußball nicht mehr so richtig ging, habe ich angefangen Tennis zu spielen. Dort treffe ich zusammen mit denen, die diese Sportart von Kindesbeinen an betrieben haben. Die können richtig ausholen, stehen immer richtig zum Ball, und spielen so schön an die Linie. Die meisten können sogar eine Rückhand. Ich nenne sie die „Gelernten“, weil sie diesen komischen Bewegungsablauf schon mit der Muttermilch aufgesogen haben.
Gemeinsam spielen wir in der „Jungsenioren“, wir, die wir früher eine richtige Sportart betrieben haben wie Handball oder Fußball und diejenigen, die schon immer etwas feiner gewesen waren.
Allein der Name „Jungsenioren“ ist ja grotesk. Beim Fußball nennt man den älteren Jahrgang in der D – Jugend ja auch nicht „Altknaben“. Wie dem auch sei, nun spielen wir in der gemeinsamen Liga, die richtigen Tennisspieler und diejenigen, die diese Sportart auf dem zweiten Bildungsweg gelernt haben und es nie mehr richtig lernen werden.
Sinnigerweise spielen wir in der „Verbandsliga“, was angesichts der Unmengen an verbrauchtem Verbandsmaterial in der Umkleidekabine angemessen ist. Salbenliga oder Dicofenac-Liga würde auch passen.
Punktspiel. Ich spiele gegen einen dieser „Gelernten“!
Ich merke es schon beim Einschlagen. Sauber, wie an der Schnur gezogen, kommen die Bälle über das Netz auf mich zu geflogen. Der läuft auch nicht viel, bewegt sich im Schneckentempo und zieht die Bälle gekonnt longline und cross. Unsereiner dagegen hetzt über den roten Sand von einer Ecke zur anderen und schubst den Tennisball mit letzter Kraft über die Netzkante. Ich ahne Ungemach auf mich zukommen, will sagen eine vernichtende Zweisatzniederlage, wobei mir aus Mitleid in jedem Satz ein Spiel geschenkt werden wird.
Ich habe nur eine Chance, meine psychische Stärke. Denn diese gelernten Tennisspieler sind alle irgendwie Autisten und ständig mit sich selbst beschäftigt. Da bin ich als Fußballer, der jahrelang die Vorwürfe der Mitspieler, die Anfeindungen der Gegenspieler und die vernichtenden Kritiken der Sportjournalisten ertragen hat, doch aus ganz anderem Holz geschnitzt.
Unser Match beginnt und nimmt zunächst den erwarteten Verlauf. Ich liege 3:0 hinten, bevor ich meinen ersten Punkt mache. Aber ich weiß, meine Stunde wird kommen. Ich hechele über dieses Viereck – laufen kann ich immer noch einigermaßen- und schnippele und slice die Kugel, was das Zeug hält. Das zeigt erste Erfolge, denn der da drüben muss auch laufen, solche „Schläge“ ist er nicht gewohnt. Lautstark macht er seinem Unmut Luft, indem er seine Verdammungsurteile zu mir rüber wirft: „Was ist denn das für ein Gurkentennis!“ Ich habe ihn schon mal wütend. Trotzdem ist der erste Satz nicht zu retten, ich verliere 6:2, sehe aber dem zweiten Satz mit Entschlossenheit entgegen.
Zweiter Satz, meine Schläge werden nicht besser, aber seine langsam schlechter.
Er fängt an, sich selber zu beschimpfen:
„Das ist doch keine Vorhand!“
Doch, es war eine Vorhand, aber am Netz hängengeblieben.
Schon wieder hadert der da drüben mit sich selber:
„Zieh doch mal richtig durch!“
Schritt für Schritt beginnt mein Gegenüber sich selbst zu demontieren:
„Immer derselbe Fehler,… genau wie beim letzten Mal, … das hat doch mit Tennis nichts zu tun….“
Ich bleibe derweil ruhig, trauere nur ab und zu einem seiner Ausbälle mit einem gespielten „Schade“ hinterher.
Beim Wechsel gieße ich noch ein wenig Öl ins Feuer und lobe ihn.
„Du hast einen guten Aufschlag“.
Das ist nur bedingt richtig, seine Aufschläge sind nur im Verhältnis zu meinen gut, objektiv gesehen und tennistechnisch dürftiger Durchschnitt.
Mein Lob freilich bringt ihn noch mehr aus der Fassung.
„Das sind doch keine Aufschläge heute, das ist Anfängertennis!“
Ich widerspreche nicht, sondern erhebe mich vor der Zeit scheinbar leichtfüßig, obwohl ich selbst schon auf dem Zahnfleisch krieche. 4:4, das Spiel ist enger geworden.
Nun versucht es mein Gegenüber mit Tricks, die bei seinesgleichen fruchten: er gibt einen Ball “aus“, der mit bloßem Auge mindestens einen halben Meter innerhalb war.
Gelernte lassen sich durch so was schnell aus der Fassung bringen, wie sie überhaupt hinhaltend darüber streiten können, ob der Ball vor, auf oder hinter der Linie war und mit dem Ruf nach einem Schiedsrichter die Lauterkeit des anderen infrage zu stellen pflegen.
Ich antworte stattdessen geheuchelt gelassen.
„Der Ball war schätzungsweise Einenmeterdreizehn innerhalb, aber in deiner Hälfte entscheidest du!“
Ich kann aus der Entfernung sehen, wie er zusammenzuckt.
5:5! Wir sitzen beim Wechsel schweigend und verschwitzt nebeneinander. Ich fange trotzdem an zu pfeifen: „We are the Champions“, dafür reicht meine Luft gerade noch.
6:6! Es geht in den Tiebreak.
Allein die Tatsache, dass der da drüben gegen mich in die Verlängerung muss, ist einen stillen Triumph wert.
Mein Gegenspieler ist am Ende seiner seelischen Kraft. Er schreit und brüllt, schimpft und meckert, jammert und hadert. Ich renne wie ein Wiesel, viel mehr habe ich nicht zu bieten.
Dennoch steht es 5:2 für ihn, einen Punkt braucht er noch, einen einzigen.
5:3! Mein Gegenüber deutet das Zertrümmern seines Schlägers an.
5:4! Der auf der anderen Seite scheint dem Infarkt nahe.
„Das kann doch wohl nicht wahr sein, diese Krampe!“ Meint er seinen Schlag oder mich damit? Ich vermute letzteres.
Plötzlich fange ich an wie ein Tennisspieler zu denken:
„Wenn ich in den dritten Satz gegen diesen Laumann komme, mache ich ihn fertig, diesen arroganten Fatzke.“
Ich habe Aufschlag, was bei mir nicht unbedingt einen Vorteil bedeutet.
Fehler!!
Ich habe es geahnt. Ich schreie meinen Ärger raus. Ein schlichtes, proletarisches :“Scheiße!“
Innerlich brülle ich mich an.
„Nicht einen vernünftigen Aufschlag kriegst du heute hin, du Blinder.“
Mein inneres Ego ist tief beleidigt und fabriziert den Doppelfehler.
„Aus, aus, aus, aus!“ höre ich Herbert Zimmermann rufen.
Mein Gegenspieler tänzelt zum Netz, um mir zu meiner Niederlage zu gratulieren.
„Gut gekämpft!“ Er lächelt fröhlich.
Ich muss an mich halten, um ihm nicht mein Racket über die Rübe zu ziehen.
Manchmal kann ich diesen Gelernten nicht aufs Fell sehen….

 

Die Zukunft

Ich bin über 60 Jahre alt, pensioniert – und ich mache mir ständig Sorgen um die Zukunft. Allerdings nicht so sehr um meine eigene Zukunft, auch deswegen, weil meine eigene nicht mehr viel  Zukunft hat. Außerdem: Wenn nicht viel dazwischenkommt, steht mir ein gemütlicher Lebensabend bevor. Dass es gesundheitlich allmählich ungemütlich wird, steht auf einem anderen Blatt.

Trotzdem mache ich mir Sorgen um die Zukunft. Um die Zukunft unseres Landes, um die Zukunft unserer Enkel. Die Finanzkrise schüttelt die Welt und Klimaforscher erschrecken mit Untergangsszenarien die Menschheit.

Und dann ist da der Riesenschuldenberg.

Frühere Generation haben den Sinn ihres Lebens häufig darin gesehen, sich abzustrampeln, damit ihre Kinder es einmal besser haben. Diesen ehernen Grundsatz der Überlebensgeschichte der Menschheit hat meine Generation zum ersten Mal über Bord geworfen.

Sie hat sich selbst verwirklicht auf Kosten der nachfolgenden Generationen! Wir haben unser Wohlergehen auf Pump finanziert. Diese Generation der „Staatsknete“-Absahner, „Null-Bock“-Faulpelze und Weltbeglücker. Wir haben uns den Zaster für unser körperliches und seelisches Wohlergehen von den Enkeln gepumpt.

Da trösten auch die Sparbücher wenig, die ich für selbige angelegt habe.

Und wie sieht es mit den Zukunftsängsten bei den Enkeln aus?

Keine Spur. Nicht der Hauch von Sorge um ihre Zukunft! Optimistisch und tatendurstig sehen sie dem Leben entgegen, das auf sie zukommt. Irgendwie werden sie sich schon durchschlagen.

Sie verhalten sich in der Schule keinen Deut besser als ich, ich will das nicht weiter ausführen. Sie treiben Sport mit gesunden Gelenken, leben fröhlich in den Tag hinein und werden sich demnächst heillos verlieben.

Alles ist geregelt im großen Zug der Generationen. Die, die keine Zukunft mehr haben, machen sich Sorgen um diese, und die, die die Zukunft noch vor sich haben, kümmert sie wenig. Das hat der liebe Gott schon ganz gut eingerichtet und wenn ich mir diese Zusammenhänge so vor Augen führe, dann mache ich mir etwas weniger Sorgen um die Zukunft.

Die Wespenspinne

Meine Frau kann Spinnen nicht ausstehen. In der Liste ihrer Albträume kommen Spinnen noch vor Jürgen Trittin. Ich bin da ein wenig belastbarer, obwohl mir die Viecher ab einer gewissen Größe auch nicht ganz geheuer sind, wenn sie so über den Kellerboden huschen.

An einem schönen Samstagabend im Spätsommer, es fing schon an zu dämmern, habe ich im Garten an der Garagenwand eine Spinne entdeckt, ein faszinierendes Wunderwerk der Natur. Eine Spinne, so groß und so schön, wie ich sie in unseren Breiten noch nie gesehen habe, mit schwarz-gelb gemusterten Beinen wie die Ringelstutzen von Borussia Dortmund; dazu einen schwarz-gelb gemusterten Rücken, als ob sie am Vorabend der Wahl Reklame für eine neue Koalition in Berlin laufen wollten. Ich war hingerissen.

Am anderen Morgen hing genau an der Stelle, wo die Spinne am Abend zuvor gesessen hatte, ein Kokon, etwa 2 cm groß, wie ein Wattebäuschchen. Nun wollte ich es genau wissen und habe gegoogled, bis ich sie gefunden hatte:

Die Wespenspinne Argiope bruennichi“

Ich erfuhr einiges über die Lebensweise und dann las ich zu meinem Entsetzen:

„….Das Männchen nähert sich zur Paarung dem auf dem Stabiliment (das ist das Gespinstband im Netz) sitzenden Weibchen mit zuckenden Bewegungen. Das Weibchen verhält sich absolut passiv, hebt lediglich den Körper etwas an, so dass das Männchen in diesen Zwischenraum kriechen kann. Es führt dann sogleich am Bauch des Weibchens die Taster ein. Noch während der Vereinigung erwacht das Weibchen aus seiner Passivität und tötet und verzehrt das Männchen…..“

 Was für ein Schock. Allein schon die Tatsache, dass das Weibchen das Männchen umbringt, finde ich nicht in Ordnung. Vor allem aber scheint mir der Zeitpunkt besonders unglücklich gewählt.

Tiefes Mitgefühl mit dem wohl erst kürzlich dahingeschiedenen Wespenspinnenmännchen übermannte mich. Gnadenlos raffen diese Weibchen die Edelsten ihrer Art dahin und entschuldigen sich vermutlich mit ihren Genen. Und dann nennen sie sich auch noch „Schwarze Witwen“, so als ob sie dem Männchen eine Träne nachweinen würden, das sie gerade hingemeuchelt haben. Mörderinnen!

Schlagartig wurde mir das ganze Elend unseres Geschlechtes klar. Unser gesamtes Männerdasein scheint im Wesentlichen bestimmt zu sein durch das Hinarbeiten auf jenes eine Ziel, sie wissen schon. Die Weibchen versuchen uns zu umgarnen, um unseren blinden Eifer noch ein wenig anzufeuern. Gnädig lassen sie uns gewähren, bis…… Biss.

Plötzlich wusste ich auch, warum man besonders prachtvolle Exemplare der Damenwelt „männermordend“ nennt. Seit Jahrhunderten sitzen sie scheinbar unschuldig an ihrem Spinnrad und tun so, als ob sie kein Wässerchen trüben könnten. Und wenn wir uns in ihrem Netz verfangen haben….

Abgründe der Natur taten sich vor mir auf. Und diesem heimtückischen Geschlecht haben wir auch noch das Wahlrecht gegeben. Man sieht ja, wo das hingeführt hat.

Unsere Sprache scheint da von ganz anderer Weitsicht zu sein. Die Könige der Tierwelt – der Löwe und der Adler z.B. – sind maskulinen Geschlechts. Die eher harmlosen Naturschönheiten – das Reh oder das Rotkehlchen – sind Neutrum. Aber die fiesesten Viecher auf Gottes Erdboden – die Kakerlake oder eben die Spinne – sind feminin. Die Weisheit unserer Urväter, die unsere Sprache geschöpft haben, wurde mir klar. Sie haben die Substantive stets mit dem richtigen Geschlecht versehen.

Wie gelähmt saß ich vor meinem PC und starrte auf den Bildschirm:

„Noch während der Vereinigung erwacht das Weibchen aus seiner Passivität und tötet und verzehrt das Männchen….“

Plötzlich rief mich meine Frau. Angst kroch in mir hoch. Sie wird doch wohl nicht….? Schon wollte ich um Hilfe schreien, doch ich besann mich. Mir fiel ein, dass meine Frau mit den Spinnen wirklich nichts am Hut hat und dass sie den feministischen Spinnerinnen spinnefeind ist. Beruhigt ging ich zu ihr, und es wurde ein schöner Nachmittag.

Derweil schlummern im Wespenspinnenkokon an meiner Garagenwand die armen Wespenspinnenmännchen ihrer mörderischen Zukunft entgegen.

Es ist ein Jammer.